Vielseitiges Vortragsprogramm bei AgPU-Jahrestagung

26. Juni 2006


PVC im Blickpunkt von Medizin, Architektur und REACH


Volles Haus im Bonner Wissenschaftszentrum: Über 100 Gäste kamen trotz Fußball-WM zur 18. Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V. (AgPU) am 21. Juni 2006. Mit hochkarätigen Vorträgen bot die Initiative aus Wirtschaft und Wissenschaft auch in diesem Jahr ein attraktives Forum für den innovativen Kunststoff PVC. Joachim Eckstein, stellvertretender Vorsitzender der AgPU und Vice Chairman von „Vinyl 2010“, berichtete zunächst über Erfolge bei der nachhaltigen Entwicklung. „Wir kommen unserem Ziel immer näher, bis Ende 2010 EU-weit 200.000 Tonnen PVC-Abfälle über die gesetzlichen Verpflichtungen hinaus zu verwerten. Zusammen mit unseren Bestrebungen hat die Einführung der TA Siedlungsabfall Mitte letzten Jahres in Deutschland zu einer deutlichen Erhöhung der Recycling-Mengen geführt.“ Mit Blick auf das Schwerpunktthema der Veranstaltung, die EU-Verordnung REACH, sagte Eckstein: „Wir haben es hier mit einem Jahrhundertregelwerk für Chemikalien zu tun, das auch die Unternehmen aus der PVC-Branche vor enorme neue Herausforderungen stellt. Sowohl strategische Planungen als auch erste vorbereitende Maßnahmen sind jetzt unbedingt notwendig.“

 

PVC in Medizin-Produkten
Möglichkeiten und Grenzen für flexible PVC-Produkte in der Medizintechnik zeigte Georg Kühlein vom Competence Team Tubings bei der RAUMEDIC AG in Helmbrechts auf. Das Unternehmen ist weltweiter Lieferant medizintechnischer und pharmazeutischer Produkte. Kühleins Fazit: „PVC ist in weiten Bereichen der Medizin ein unverzichtbarer, sicherer Werkstoff, zu dem es keine Alternative gibt.“ Typische PVC-Produkte wie Blut- und Infusionsbeutel, Anwendungen für Dialyse-Patienten, Wunddrainagen und Schlauchsysteme haben sich über Jahrzehnte hinweg bei der Patientenversorgung bewährt und sind gut erforscht. Doch der Rezeptur-Experte warnte Produzenten auch vor übertriebener Sparsamkeit und Billigprodukten. Der Einsatz qualitativ hochwertiger und reiner Rohstoffe sei unbedingte Voraussetzung für den sicheren Einsatz des Kunststoffes in der sensiblen Medizintechnik. Da die Verarbeitung von PVC zudem einen außerordentlich großen Einfluss auf die Eigenschaften der Endprodukte habe, seien vorausschauende Planungen im Hinblick auf den späteren Einsatz der Lösungen notwendig. „Wichtig ist vor allem, die Verantwortung der Produzenten zweifelsfrei zu spezifizieren“, so Kühlein. Negative Schlagzeilen über PVC in Medizinprodukten hält der Experte für ungerechtfertigt und unwissenschaftlich. Als Beispiel nannte er die Behauptung, Medizinprodukte mit Weichmachern hätten eine Migrationsrate von über 50 Prozent, die er humorvoll als „nobelpreisverdächtig“ bezeichnete.

 

REACH: Was Kunststoff-Verarbeiter beachten sollten
Wie mittelständische Kunststoff-Verarbeiter vom Inkrafttreten der EU-Verordnung REACH zur Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien betroffen sind, erläuterte Dr. Gabriele Brenner, Forschung und Entwicklung bei der Konrad Hornschuch AG (KHAG) in Weißbach. Der Pro¬duzent der Marken d-c-fix und skai hat sich vor allem als Oberflächenspezialist in unterschiedlichen Anwendungsbereichen einen Namen gemacht. „Eine wichtige Konsequenz aus der Registrierung sind für den Verwender hohe Kosten bei kleinvolumigen Stoffen. Das macht sie im Verhältnis zur verarbeiteten Menge unwirtschaftlich“, erklärte Dr. Brenner. Durch die zu erwartende Bereinigung des Produktportfolios von Lieferanten komme es für den Verarbeiter zudem zum Verlust maßgeschneiderter Lösungen und damit auch zum Wegfall von Alleinstellungsmerkmalen. Wesentlichen Handlungsbedarf sieht die Expertin bei der Sicherung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen. Als Wettbewerbsnachteil erweist sich vor allem, dass die Regelungen nur für Rohstoffe gelten, die innerhalb der EU hergestellt oder verarbeitet werden. So gelangen problematische Fertigerzeugnisse mit weniger gut untersuchten Einsatzstoffen aus nicht EU-Ländern auch weiterhin auf den Markt. Zur Vorbereitung auf REACH rät die Referentin, Stoffregister im eigenen Unternehmen zu erstellen und Zusatzinformationen zu sammeln. Sowohl Produkte als auch Rohstoffe sollten im Vorfeld auf ihre Unverzichtbarkeit getestet werden. „Seien Sie kritisch und prüfen Sie das Lieferanten-Portfolio genau“, so der Rat von Dr. Brenner. Dagegen sei es zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh, systematische Abfragen bei den Lieferanten zu starten.

 

REACH: Mittelstand verschafft sich Gehör
Insbesondere mittelständische Unternehmen befürchten den Verlust von Arbeitsplätzen und sehen ihre Existenz durch REACH bedroht. Um Verbesserungen bei den Entscheidungsträgern in den Parlamenten zu erreichen, haben Anfang des vergangenen Jahres sechs Initiatoren die branchenübergreifende PR-Kampagne „EINSPRUCH“ ins Leben gerufen, über die Dr. Alex Föller, Geschäftsführer des Verbandes TEGEWA e.V. in Frankfurt am Main, berichtete. „Wir brauchten in Anbetracht der Aktivitäten der NGOs ein emotionales Gegengewicht zur Verdeutlichung mittelständischer Interessen, das mit klassischer Verbandsarbeit nicht zu leisten war“, so Dr. Föller. Durch Pressearbeit, Publikationen, Anzeigen, eine eigene Website und vor allem Veranstaltungen mit politischen Entscheidungsträgern gelang es den mittelständischen Unternehmen, auf allen Ebenen der REACH-Diskussion wahrgenommen zu werden. Inzwischen unterstützen EU-weit und verbandsübergreifend über 400 Unternehmen das Aktionsbündnis. Auch in Zukunft sollen Gespräche mit Entscheidungsträgern stattfinden und zusätzliche Mittelständler für die Kampagne gewonnen werden. Dadurch will das Aktionsbündnis Verbesserungen erreichen, so zum Beispiel bei der Registrierung, bei den Verwendungs- und Expositionskategorien oder beim Schutz von Know-how für Zubereitungen und deren Verwendungen.

 

Vom klassischen Stadion zur modernen Fußball-Arena
Tim Hupe, Projektleiter der Allianz Arena für das Büro Herzog & de Meuron (Basel) und Inhaber des Architekturbüros Tim Hupe Architekten in Hamburg, präsentierte innovative Konzepte moderner Fußball-Arenen. Die zukunftsweisende Membran-Architektur der Allianz Arena in München mit ihrer äußerst kompakten, geschlossenen Struktur ermöglicht eine atmosphärische Verdichtung im Inneren des Stadions: die Verwandlung in einen brodelnden Hexenkessel. Den heutigen Ansprüchen sportlicher Großereignisse gerecht werdend, setzt diese Architektur einen Gegenpol zu den bisherigen offenen Stadien für mehrere Disziplinen. Die zum Markenzeichen avancierten Kunststoff-Kissen der Allianz Arena vermitteln dabei ein hohes Maß an Sinnlichkeit, zumal sie sich in den jeweiligen Vereinsfarben beleuchten lassen. Mit seinem Entwurf für das Iconic Stadium for Durban, das zur Fußball-WM 2010 in Südafrika 70.000 Zuschauern Platz bieten soll, entwickelte Hupe die Idee der Allianz Arena weiter. „Das geplante Stadion zeichnet sich durch seine einzigartige maritime Lage unmittelbar am Indischen Ozean aus. Um diese Besonderheit auch architektonisch sichtbar zu machen, haben wir die Membranhaut der Außenhülle an die Oberflächenstruktur von Seeigeln angepasst“, so Hupe. Basis für das Dreirangstadion ist eine für den Membranbau typische Konstruktion aus Hoch- und Tiefpunkten. Dank neuester computergestützter Verfahren bei der Membranverarbeitung lassen sich heute selbst komplizierte Strukturen schnell berechnen und herstellen. So erweisen sich Kunststoff-Membranen als ideales Material für die Umsetzung kreativer Ideen in der modernen Architektur.

 

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Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V.

Werner Preusker, Geschäftsführer

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