"Polyvinylchlorid - Eine Renaissance" von Dr. Winfried Wunderlich

24. November 2008



Mit freundlicher Genehmigung GIT Verlag (erschienen in "KunstStoff Trends", Ausgabe September 2008.

 

Eine Renaissance

Polyvinylchlorid

Polyvinylchlorid, PVC, ein Kunststoff der ersten Stunde, für längere Zeit als Stiefkind unter den Kunststoffen verpönt, erfreut sich seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Grund dafür sind hervorragende Werkstoffeigenschaften und ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis sowie die Tatsache, dass man gelernt hat, negative Auswirkungen zu vermeiden. So wurden toxische Schwermetalle aus den Stabilisatoren stammend ebenso verbannt wie bedenkliche Weichmacher. Ein Recyclingsystem wurde aufgebaut und schließlich hat man gelernt, den Prozess der Müllverbrennung so zu steuern, dass trotz Anwesenheit von Chlor, giftiges Dioxin in der Abluft vermieden wird. Dies alles fiel der beteiligten Industrie nicht in den Schoß, sondern ist Ergebnis intensiver Bemühungen, die Ursachen der schädlichen und image-schädigenden Einflüsse zu erkennen und zu beseitigen. Unterstützt wurde dieser Prozess in Deutschland durch die kluge Öffentlichkeitsarbeit der AgPU (Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt), welche offen über die Probleme, ihre Ursachen und die eingeschlagenen Lösungswege berichtete.

 

Fokussierung der Anwendung
Zur Konsolidierung des Werkstoffes gehört auch die Fokussierung auf die Anwendungen, welche von den Werkstoffeigenschaften des PVC am meisten profitieren. Dazu gehört insbesondere der gesamte Baubereich, in dem ein ganzes Spektrum von PVC-Bauteilen eingesetzt wird. Sie reichen von Profilen für Fensterrahmen und Türen über Dachrinnen, Abwasserrohre und Fassadenelementen bis hin zu Kabelummantelungen und Bodenbelägen. Wichtige Eigenschaften des Materials sind Festigkeit, Zähigkeit, Langlebigkeit sowie schwere Entflammbarkeit. Selbst in einem so heiklen Bereich wie der Medizintechnik ist PVC wegen seiner ausgezeichneten Blut- und Gewebeverträglichkeit sowie der guten Sterilisierbarkeit ein geschätzter und nur schwer zu ersetzender Werkstoff. Mit einem Anteil von etwa 30% ist PVC in diesem Bereich der am meisten eingesetzte Kunststoff.

 

Wachstumsmotor Asien
Nach einer Studie von Solvay Advanced Polymers ist der PVC-Verbrauch weltweit im Jahre 2006 auf insgesamt 33 Mio. t angestiegen. Er verteilte sich auf die einzelnen Regionen wie in Abbildung 1 gezeigt. Schwerpunkt mit fast 50% ist die Region Asien/Pazifik inkl. China, das allein mehr als ein Viertel (8,7 Mio. t) der Weltproduktion beansprucht. Mit einer jährlichen Wachstumsrate von 7,6% ist China, wo in großem Ausmaß neue Produktionskapazitäten entstanden sind, wichtigster PVC-Verbraucher, dessen Konsumerprodukte auch mehr und mehr im europäischen Markt auftauchen.

 

Nachholbedarf in Osteuropa

Aber auch Osteuropa und die Türkei zeichnen sich durch eine kräftige Steigerung des PVC-Konsums (+7,5%) aus. Getrieben wird die Entwicklung von der Bauindustrie, welche die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen hat. Das Bedarfswachstum an Rohren und Fensterprofilen bewegt sich je nach Land zwischen 10 und 20%. Da diese enorme Nachfrage (noch) nicht im eigenen Land gedeckt werden kann, profitiert die westeuropäische und insbesondere die deutsche PVC-Industrie nicht unerheblich davon. Einige Zahlen liegen dazu aus dem interessantesten Markt, Russland, vor, der zu neuen Rekorden eilt. Im Jahr 2007 wuchs er auf gut 850.000 t, von denen mehr als ein Drittel importiert werden musste, vorwiegend als Halbzeug, wie Platten, Profile und Rohre. Fast 50 % davon kamen aus Deutschland. Nicht nur die Rohstoff-erzeuger sondern auch die Verarbeiter waren die Gewinner. Eine Entlastung der Rohstoffsituation soll eine neue 330.000 jato-Anlage bringen, die zur Zeit von einem Joint Venture der einheimischen Rusvinyl und der belgischen
Solvay bei Nishi Novgorod errichtet wird.

 

Konsolidierung in Westeuropa

Die gute Entwicklung des Weltmarktes bewirkte dank des kräftigen Exportgeschäfts in den letzten beiden Jahren eine Belebung der längere Zeit stagnierenden westeuropäischen Produktion. Ursache für das niedrige Marktwachstum von etwa 1–2% im Inland ist die Schwäche des Baubereichs. Wie stark PVC-Produkte von ihm abhängen, zeigt in Abb. 2 die Verteilung des PVC-Verbrauchs auf die wichtigsten Anwendungen. Insbesondere die aus Hart-PVC hergestellten Produkte gehen überwiegend in Bauanwendungen. Das geringe Marktwachstum zwang die Produzenten und Verarbeiter zu weitreichenden Strukturmaßnahmen: Kapazitätsschließungen und Besitzerwechsel waren an der Tagesordnung. Trotzdem umfasst der europäische Markt zur Zeit noch 16 Hersteller, die mit einer Gesamtkapazität von etwa 8,2 Mio. t einen Bedarf von 6,5 Mio. t decken, nur drei von ihnen: Ineos Vinyl, Solvay und Arkema besitzen Marktanteile von 10% und mehr. Eine Ausnahmestellung nimmt bei den Erzeugern die deutsche Vinnolit ein, die sich auf das Emulsions-oder Pasten-PVC fokussiert hat und so auf einem Gebiet führend ist, das weniger von der Bauindustrie abhängig ist. Die weitere Entwicklung des europäischen PVC-Marktes wird aber insgesamt sehr stark von der Situation des Baubereichs abhängen, für dessen
Erholung es einige Signale gibt. Für das Rohrgeschäft ist außerdem die finanzielle Lage der Kommunen wichtig, die sich einem immensen Sanierungsbedarf ihrer Abwassersysteme stellen müssen. Sicher ist jedoch trotzdem, dass der Rationalisierungs- und Kostendruck auf die PVC-Hersteller anhalten wird. Deshalb muss man damit rechnen, dass die Konsolidierung fortschreiten und die Zahl der europäischen Produzenten sinken wird.

 

Initiates file download Den obigen Artikel hier als Adobe-Acrobat-Dokument herunterladen